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Vortrag BEM
Herr Lang, Leiter des Inklusionsamtes im Vortrag BEM
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Von der Arbeitsunfähigkeit zur Beschäftigungsfähigkeit

Vorträge und Erfahrungsaustausch standen beim 2. Fachtag für Arbeitgeber und Schwerbehindertenvertreter der Initiative Zum Abbau Beruflicher Barrieren, kurz IZABB, im Vordergrund. Durchschnittlich zweieinhalb Wochen waren pflichtversicherte Arbeitnehmer 2016 krankgeschrieben. Nach einem leichten Rückgang der Krankentage im Jahr 2017 steigt in 2018 der durchschnittliche Krankenstand in Deutschland voraussichtlich wieder (Quelle © Statista 2018). Ein Grund dafür liegt wohl in der alternden Gesellschaft. Mit dem Alter steigende Zahlen der Krankheitstage klingt vordergründig schlüssig. Doch häufig sind es krankmachende Umstände, die vermieden werden könnten. Sind die Krankheitstage eines Arbeitnehmers deutlich erhöht, sollten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer frühzeitig an einen Tisch setzen und über Ursachen und Lösungen sprechen. Ab einem Krankenstand von über sechs Wochen in zwölf Monaten gibt es gemäß § 167 Abs.2 SGB IX sogar die gesetzliche Verpflichtung für den Arbeitgeber ein BEM-Verfahren (Betriebliches Eingliederungsmanagement) anzubieten.

Doch sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sitzen Probleme viel zu oft aus. Dabei bietet ein BEM-Verfahren sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer erhebliche Vorteile. „Mit betrieblichem Eingliederungsmanagement (BEM) nach/bei Langzeitkrankenstand werden Arbeitsplätze gesichert und für Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragfähige Lösungen ermittelt“, so Referent Adolf Lang, Leiter des Inklusionsamts Region Niederbayern, beim zweiten Fachtag für Arbeitgeber und Schwerbehindertenvertreter im Landkreis Rottal-Inn. Thema: „BEM – Betriebliches Eingliederungsmanagement“. Einem BEM-Fall gehe häufig eine längere (Leidens-) Geschichte voraus. Nicht selten sei die Kommunikation zwischen Arbeitnehmer und Führungskraft bereits emotional aufgeladen. Der empfohlene Ablauf des BEM hilft, wichtige Unterstützungsstellen wie z. B. betriebliche Fachkräfte, Betriebsärzte, Betriebs- und Personalrat, Arbeitsagentur usw. einzubinden um optimale Lösungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu finden. Gerade der grundsätzlich einfache Ablauf des Verfahrens und die hervorragenden zur Verfügung stehenden Arbeitshilfen und Beratungsstellen ermöglichen es auch kleinen Unternehmen, ohne große Personalverwaltung mit großem Erfolg ihre Fachkräfte und damit die Grundlage ihres Unternehmenserfolges zu sichern. Fünf grundsätzliche Handlungsschritte leiten die Beteiligten durch das Verfahren: Feststellung des Bedarfs, Erstkontakt, Erstinformation, Eingliederungsgespräch und Maßnahmen zur Wiedereingliederung. Weitere Arbeitshilfen und Fortbildungen zum BEM-Verfahren bietet die Webseite des ZBFS Zentrum Bayern Familie und Soziales oder auch die Webseite zum zweiten Fachtag der IZABB (izabb-rottal-inn.de/aktuelles).

Neben der häufigste Ursache, den Muskel- und Skeletterkrankungen, sind Stress und psychische Belastungen zunehmend Gründe für Arbeitsausfall. In Zusammenarbeit mit der Ludwigs-Maximilians-Universität München und der AOK Bayern konnte im Programm AGES, „Aktiv gegen Erschöpfung und Stress“ eine deutliche Verbesserung der Nachhaltigkeit der therapeutischen Maßnahmen erzeugt werden.

Eine Gesundheitsstudie im Vorfeld von AGES in Zusammenarbeit mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg zeigt, dass 50% der Schmerzpatienten und 43% der Stresspatienten unmittelbar nach der Kur eine deutliche Verbesserung ihrer Situation empfinden. In den Untersuchungen zum Programm AGES, so Referent Viktor Gröll (Leiter der Kurverwaltung Bad Birnbach) konnte zusätzlich gezeigt werden, dass eine Therapie noch effektiver mit einem kurzen „Refresher“, also einem Wiederholungsimpuls von 4 Tagen, ca. sechs Monate nach Ende des ersten Kurabschnitts ist. Der Index für Wohlbefinden konnte mit dieser kurzen Intervention auf beinahe gleichen Wert, wie direkt nach der Kur gehoben werden. Darüber hinaus blieb das Wohlbefinden nach der Intervention länger auf hohem Niveau als direkt nach der Kur. Der Refresher hatte zusätzlich eine erhebliche Auswirkung auf den nachhaltigen Erfolg der Gesundheitsvorsorgemaßnahme. Das Wohlbefinden nahm langsamer ab, als nach Ende des ersten Therapieabschnitts. Die Vorteile des Programms können sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen für sich nutzen.

Die besondere Herausforderung des demografischen Wandels liegen im zunehmenden Risiko einer Erkrankung bis hin zur Schwerbehinderung. Eine ältere Belegschaft, hat durchschnittlich ein höheres Risiko auf Krankheitsausfall und/oder Schwerbehinderung. Deutsche Unternehmen müssen langsam aber sicher diesen Umstand als „normal“ akzeptieren. Laut statistischem Bundesamt (2015) sind lediglich ca. 4 % aller Behinderungen angeboren. Über 95 % werden im Laufe des Lebens erworben. Gerade in Zeiten von hoher betrieblicher Auslastung ist der Ausfall von Fachkräften besonders dramatisch. Die Folgen des Arbeits- (Fach‑)kräftemangels kennen inzwischen viele Unternehmer: sie müssen Aufträge ablehnen und auf Expansion verzichten. Umgekehrt bieten Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt noch ein erhebliches Fachkräftepotential. Man müsste sich als Unternehmer bloß mal trauen, eingefahrene Strukturen und Abläufe überdenken und Unterstützung zum Beispiel vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagenturen annehmen. Die Chancen für Unternehmen sind erheblich.

Zu dem bereits erwähnten Zugewinn der Fachkompetenz bieten das Inklusionsamt und die Agenturen für Arbeit neben Beratungsleistungen, besonders finanzielle Anreize wie Eingliederungszuschüsse, Minderleistungsausgleich und Investitionszuschüsse für Maschinen in Höhe von bis zu 70%. Große Unternehmen wie die Bahn, aber auch kleine Integrationsfirmen wie die Sigma in Eggenfelden machen es vor. Sie strukturieren Arbeitsablaufe nach den Erfordernissen der Mitarbeiter und haben damit unternehmerischen Erfolg. Frau Edeltraud Plattner die stellvertretende Landrätin des Landkreises Rottal-Inn sagte in ihren Grußworten zum Fachtag: „unser aller Ziel muss es sein, Menschen mit einer Behinderung den Weg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen und zu erleichtern… die Statistiken zeigen ja immer wieder, dass es eben nicht so leicht ist für Menschen mit Behinderungen, den Arbeitsplatz zu finden, an dem sie ihre oft sehr großen Kompetenzen einbringen können.“ Die Mitarbeiter der IZABB, Jobcenter und Arbeitsagenturen können das bestätigen: Manchmal helfen schon kleine Änderungen im Ablauf oder eine etwas flexiblere Arbeitszeit, um einen erheblichen, betrieblichen Mehrwert durch einen (neuen) (schwer-)behinderten Mitarbeiter zu schaffen. Die Internetseite der IZABB bietet Informationen zu Ansprechpartnern und Anregungen im Landkreis Rottal-Inn.

Der zweite Fachtag der IZABB bot, wie alle Veranstaltungen der IZABB keine Zielgruppenspezialisierung sondern eine gemeinsame Informationsplattform für Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Schwerbehindertenvertreter. Der Grundsatz lautet, dass unternehmerische Entwicklung und das Bestehen auf (inter‑)nationalen Märkten gemeinsames Handeln aller betrieblich Beteiligten erfordert. Es entstehen ganzheitliche, nachhaltige Lösungen, die von jeweils einer betrieblichen Interessensgruppe alleine nicht entwickelt werden könnten. Gerade im Landkreis Rottal-Inn, ist die Vernetzung und Nutzung aller personellen Ressourcen für die vielen kleinen und mittelständischen Betrieben ohne große organisatorische Personalstrukturen besonders wichtig. Dass die Angebote der IZABB angenommen werden, zeigte die rege Beteiligung der Vertreter der Kommunen, des Landratsamtes und von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern beim Fachtag im großen Sitzungssaal des Landratsamtes. Die durchweg positiven Rückmeldungen zur Veranstaltung machen Lust auf weitere Treffen auf dieser Ebene.

v.l: Viktor Gröll (Leiter Kurverwaltung Bad Birnbach), Sonja Schneil (Stellv. Geschäftsführung Jobcenter Rottal Inn), Wolfgang Herdegen (Geschäftsführung PQG), Ulrike Teinert (Behindertenbeautragte Rottal Inn), Ulrich Leypoldt (Netzwerkkoordinator IZABB), Andreas Fedlmeier Teamleiter Reha Agentur für Arbeit Landshut-Pfarrkirchen), Adolf Lang (Leiter Inklusionsamt Landshut), Franz Wimmer (Geschäftsführer Jobcenter Rottal-Inn).